Nachbarschaftsgerangel (Bründersen 1729 + Balhorn 1736) Die Bründersen’sche – Altenstädter „Erbfeindschaft“ Anno 1729 Von Gerog Feige (Auszug) (Geschichtsverein Naumburg – Mitteilungen Dezember 1989) Altenstädt war ja Mainzer Gebiet und Ippinghausen, Bründersen und Balhorn (spätestens nach 1384) Ausland, d.h. hessisches Land. „Ausland“ war gleichbedeutend mit Feindesland, hüben wie drüben. Von dem jahrhundertlangen Streit zwischen dem Erzbistum Mainz und dem Landgrafen von Hessen bleiben ja die Grenzdörfer am wenigsten unberührt. Ob es ihnen hier oder dort gut ging oder besser gegangen wäre, das spielte keine eindeutige Rolle, wenn es um i h r e Heimat, um ihr Land ging. Dann waren sie allemal „Nationalisten“. Auf keinen Fall konnten es die Altenstädter hinnehmen und dulden, dass die Grenze – ihre Gemarkungsgrenze, ihr Feld, ihr Hab und Gut auf ihrer Flur – von hessischer Seite in Frage gestellt wurde. Wieder einmal versuchten dies die von Bründersen im September 1729. Die Bründerser kamen ja von einem anderen Stern. Sie „landeten“, sehr verspätet, jenseits der Wasserscheide zwischen Eder und Diemel. (Bründersen war 1331-1437 wüst, dann erneut ab 1455; nach 1510 wurde erst wieder aufgebaut). Sie kamen mit ganz weißer Weste in ihr Dorf und behielten sie auch. Sie waren die verträglichsten und friedfertigsten Menschen, die man sich denken kann. Jemand Unrecht zufügen. Das kam ihnen nie in den Sinn. Böses führten sie niemals im Schild. Schlimm, dass man bei solcher Harmlosigkeit der Bründerser ausgerechnet – drüben im Ausland – die Altenstädter zu Grenznachbarn haben musste. Die waren doch zu aller Schlechtigkeit fähig. Sie allein waren an allen Übergriffen und Übeltaten schuld. So der Rentmeister in Wolfhagen, Carl Gössel, in seinem Bericht an die hessische Regierung in Kassel über den Streit und die Auseinandersetzungen zwischen den Dörfern Bründersen und Altenstädt im Schnegelsbacher Feld. Der wüste Hof Schnegelsbach lag vor Altenstädt in Richtung Monschein uns gehörte seit eh und je zum Amt Naumburg. Schon 1537 wüst, heißt er im Wolfhager Salbuch Schnegelsburg. Er war ein mainzischer, den Altenstädtern vermeierter Hof (Naumburger Salbuch 1654). Auch die Naumburger Rechnungen 1731 führen ihn als zum Naumburger Amt zugehörig auf. Was war geschehen, was hatte sich zugetragen? Um was ging es denn in diesem Streit, den der Wolfhager Rentmeister zu einer Staatsaktion hochstapelte und sich in seinem 97-seitgien Bericht redlich bemühte, die Seinen „und sich!) reinzuwaschen und die Altenstädter im schlechtesten Licht erscheinen zu lassen, diese bösen Buben? Der Altenstädter Kuh- und Schweinehirte war angeblich in das Schnegelsbacher Sommerfeld, das noch nicht vollends abgeerntet gewesen und denen von Bründersen „zugestanden“ haben soll, eingedrungen. Kurzerhand wurde dem Hirten eine Kuh gepfändet, die der Bründerser Grebe in sein Haus überführen ließ. Der Protest des Greben von Altenstädt, Jacob Derx, und der beiden Vorsteher bei dem Bründerser Greben nutzte nichts. Eigenartigerweise und ganz zufällig war bei dem Protest der Rentmeister Gössel auch zugegen. Hier wurde die Behauptung aufgestellt, die Altenstädter kehrten sich trotz Pfändung nicht an Grenzen und würden ihre Schafe und anderes Viehzeug in die Bründerser Gemarkung führen. Der Rentmeister – eigentlich für ausgleichende Gerechtigkeit und zur Vermittlung zuständig – verfügte bzw. empfahl sogar eine zweite Pfändung , blieb aber, obwohl er der Urheber war für das, was kam, im Hintergrund. Der Grebe von Bründersen, die beiden Ortsvorsteher mit Beigabe des Landbetreuers und 10 – 12 Mann sollten „auf behutsame Manier“ versuchen, die zweite Pfändung an einem der Altenstädter Schäfer vorzunehmen. Sollte das misslingen, sollten sie sich sicherheitshalber zurückziehen. Der Rentmeister gibt an, er habe im Hause des Greben von Bründersen den Ausgang des Unternehmens abgewartet. Bei solch gegebenen Ratschlägen muss man diesem Rentmeister als hessischem Beamten jede Objektivität absprechen. Seine dienstlichen Anweisungen waren intrigant und hinterhältig, und er selbst war noch obendrein feige dazu. Die Altenstädter müssen von dem Bründersenschen Vorhaben Kenntnis bekommen haben. Wahrscheinlich ließ man eine solche Absicht bei dem Protest der Altenstädter Gemeindevertreter schon durchblicken. Die Altenstädter fingen die Bründerser bei ihrem Vorgehen in der Altenstädter Gemarkung an der Korbacher Straße ab, schlugen sie jämmerlich zusammen und trieben sie in ihr eigenes Dorf zurück. Es hatte nichts genutzt, dass man die Glocke in Bründersen geschlagen und das ganze Dorf zum Widerstand aufgerufen hatte. Der Rentmeister berichtet nach Kassel, die Altenstädter hätten die Bründerser „mit großer Gewalt misshandelt“ und von den ihnen zugefügten harten Schlägen brauchten sie lange, sich zu erholen. Sie wären derart geschlagen und zugerichtet, dass sie es noch lange Zeit zu fühlen haben würden. Der Jost Henrich Döring, den die schon gepfändete Kuh gehört habe, habe einen großen Prangen geführt und auf die Bründerser eingeschlagen, sie „vor einen großen Schelmen geheißen“ (Das Wort Schelm war zu jener Zeit die größte Beleidigung und schlimmste Verleumdung), weil sie ihm seine Kuh gestohlen hätten. Besonders tüchtig hätten sich bei dieser Schlägerei, die die Bründerser „erlitten“ hätten, die Vorsteher Johannes Ledderhose, Johann Henrich Wertz, der Grebe Türck (richtiger: Derx) hervorgetan, die „auf Mord und Totschlag abzielende Instrumente wie Schüppenstiele, Mist- und Fruchtgabeln“ benutzt hätten. Die Vernehmungsprotokolle – aufgenommen von dem Urheber der Keilerei, dem hessischen Rentmeister Gössel! – geben nur einseitige Aussagen der Betroffenen wieder. Die aber waren die friedfertigen Leute – wie hätte es anders sein können – die absolut nichts Böses im Schilde gehabt hätten. Die Altenstädter hätten den Anfang gemacht und auf hessischem Gebiet Landfriedensbruch begangen. So werden von dem Rentmeister die unglaublichsten und verrücktesten Begründungen in seiner langen Beschwerdeschrift vorgebracht, um die Altenstädter so schwarz zu malen, wie man in Mainz oder Naumburg gar nicht hätte sein können. Gössel stellt die Dinge auf den Kopf, um nicht zugeben zu müssen, dass er der eigentliche Verursacher der Geschehnisse war. Zum Ende stellt der Grebe von Bründersen, Jacob, eine umfangreiche Schadensforderung auf, die die Altenstädter erfüllen sollen. Naumburger Akten liegen nicht vor, aber auch die Kasseler Regierung entscheidet auch nicht zu Gunsten der Bründerser. Die Angelegenheit wird hinausgeschoben und zieht sich immer mehr – zum Nachteil der Bründerser – in die Länge…. Ein Jahr später glaubte man nun, das rechte Faustpfand in die Hand bekommen zu haben. Als der Vorsteher Johannes Ledderhose an einer Veranstaltung in Ippinghausen teilnahm, verhaftete man ihn vom Wagen herunter und sperrte ihn ein, Ledderhose stammte aus Wolfhagen und hatte vermutlich recht gute Beziehungen zur verwandtschaftlichen Familie des Pfarrers Ledderhose, dessen Tochter Anna Gertrud mit dem Sohn des Rentmeisters Cornelius Gössel verheiratet war. Außerdem war einer der Kasseler Räte ein Lederhose! Der Rentmeister – mit der Freilassung höchst unzufrieden – erneuerte seine Anklagen gegen die Altenstädter, die sich inzwischen mit Gegenpfändungen revanchiert hatten. Am 4. November 1730 erhält Gssel von der Regierung in Kassel die vorurteilslose und unvoreingenommenen nüchtern-karge Anweisung, sich mit den „Mayntzischen Beambten zu Naumburg“ gütlich zu einigen und die Pfänder gegenseitig zurückzugeben. Damit schließen sie die Akten.
Eine gänzlich harmlosere Differenz ereignete sich zwischen dem hessischen Balhorn und dem Mainzischen Altenstädt. Im Jahre 1736 pfändeten die Balhorner den Altenstädtern eine Kuh, weil der Kuhhirte sie auf der Kasseler Straße in der Balhorner Gemarkung habe grasen lassen. Es gibt auch hier langwierige Verhandlungen, die ausgehen wie das Hornberger Schießen. Eine geplante Konferenz zwischen Hessen und Mainz zur Bereinigung vieler und aller Streitpunkte kommt – wohl absichtlich – nicht zustande. Eine friedliche Lösung wurde anscheinend von keiner Seite ernstlich angestrebt. Man überließ es den Dörfern, die sich nicht grün waren, sich aneinander zu reiben. Das war immer gut und heizte die „nationale“ Einstellung immer wieder von neuem an, das Ausland stets als Feind Nr. 1 zu betrachten und danach zu handeln.
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